So, ich verabschiede mich. Ich weis noch gar nicht, was das heisen soll. Ich habe es auch noch nicht wirklich verinnerlicht, dass morgen dieses Leben hier vorbei sein soll; Das Leben in der ich bisher am freisten war. Das heist dann wohl keine Bustiketverkäufer mehr, keine dunkelgebräunten Männer mehr mit Zigarre und Hut, keine Taxifahrten, kein Handeln um den Preis, kein Spanisch, nicht mehr die Möglichkeit, durch Handeln, Reden und Drehen Unmögliches möglich zu machen, keine kleine Gesellschaften in den Türrahmen oder auf dem Bordstein, keine Streuner, keine wakligen Bambusleitern, keine Kassierer oder auch andere Arbeiter, denen zuzugucken dem Beobachten einer Lavalampe gleichkommt. Nicht mehr auf sein Gepäck aufpassen müssen, keine Famile auf einem Motorrad, keine Esel und Kutschen in der Stadt, keine wuchernd überwachsene Bäume, keine Flüsse in denen man noch an Flussgeister glauben kann, kein "a la orden", "siga", pase", keine Riesenauswahl an Früchten, keine Supersäfte, kein Salsa, Son, oder nervige andine Musik, oder Reggeaton, keine Strasenverkäufer, keine Arepa, bolón, pan de yucca, keine übelst witzigen Schilder, keine Militärkidies, keine Kätzchen, kein Tauchen, Cañoning, Paragliding, Klettern, Surfen..., keine Überbeschallung, kein "man-ist-sich-nicht-böse", kein Verkehrschaos, keine Busbahnhöfe und 10-stündige Busfahrten, nicht mehr die Möglichkeit überall in einen Bus ein- oder auszusteigen. Man kann nicht mehr gehen wohin und wann man will, keine extremsten Klimawechsel, kein Flaschenwasser, keine maslose Unverlässlichkeit, keine billigen Supercocktails, kein Aguadiente, keine Suizid- und Kaltwasserduschen, nicht jede Nacht ein neues Bett, neue Leute, neue Klos, kein schwerer Rucksack. Kein sich kleiden wie man Lust hat ohne darüber nachzudenken, was andere darüber denken, welchem Image man inwiefern hinterherläuft, keine Hupen, Schreie, und alles was laut ist, keine gröseren Betrügerreien, kein siempre "ahorita", keine Busschreier, keine Marktschreier, keine Schreier, keine Museen, Kathedralen, Plazas, keine roten Ziegeldächer, hölzerne Balkons, keine Calles und Carreras, keine Carretera, keine Naturgottheiten, keine extremsten Naturschönheiten, keine Schachbrettstrasen, keine gaseosas, kein "seguro" und "no es cierto", keine Erklärungen, was alles vegetarisch ist, und was nicht, kein Jesuskitsch und Kitsch im allgemeinen, keine Kellner mit Säuglingen auf dem Arm, keine Aussicht nach Hause zu kommen, keine Palmen, kein Dschungel, keine bunt-dekorierten Busse(tas), kein Dschungelabenteuer, kein Reisen, nicht der gewohnte Anblick einer Strase, kein Bogotá, La Paz, Lima, Quito...kein Lateinamerika mehr.
Ein Leben geht wiedermal zu Ende.
Was habe ich gelernt? Eigentlich viel zu wenig, wenn ich mich selbst in gewissen Situationen sehe. Eine Sache ist, dass ich immer geglaubt habe, dass man, wenn man reist, notdürftig gewisse fremndenfeindliche Bilder aufgeben müsse. Das Gegenteil ist der Fall. Fremdenfeindlichkeit ist eine Abwehr gegen Fremdes. Und wo sieht man mehr Fremdes als beim Reisen?
Eine andere Sache ist, dass man neoliberale Gedankengänge in Europa oft für etwas Rafiniertes und Modernes hält. Wir haben so oft gesehen, dass gerade die letzten Vollidioten, die echt nichts können, aber doch sehr gut, bzw. neoliberal handeln können.
Ich musste ein Bild aufgeben, bei dem das Sozialgefüge sich verstärkt, je ärmer ein Gebiet wird.
Einen Gedanken, den man tatsächlich verlernt hat, ist der Glaube, dass Geschichte Vergangenheit sei.
Auserdem lernte ich, die Grenze zwischen Möglichen und Unmöglichen nicht so streng zu sehen. Ich denke, dass fast alles, was man sich vorstellen kann auch eben möglich ist. Klingt plausibel, doch in Europa denkt kaum jemand wirklich so. Reisen, das heist auch dass man Probleme relativiert. Man wurde ja schlieslich mit ganz anderen Situationen fertig und hat auch Menschen gesehen, die in eben "unmöglichen" Verhältnissen leben.
Eine ganz andere Geschichte ist ja, dass wir unsere Leben verlängert haben. Ich stelle mich darauf ein, dass es ein Schock sein wird nach Hause zu kommen und festzustellen, dass dort nur 10 Monate vergangen sind.
Ich konnte viel von dieser Kultur, diesem Kontinent lernen, auch eben weil mir vieles nicht gefällt. So könnte ich niemals Teil der Kultur werden. Ich würde niemals vollkommen akzeptiert werden. Auch würden mich gewisse Dinge auf ewig stören und das ist auch gut so. Doch ich könnte niemals hier so leben, wie es ein Latino tut. Ich muss sagen, dass ich in dieser Hinsicht Elza etwas beneide. Sie hat es, denke ich, sehr gut geschafft in diese Kultur einzutreten, auch wenn sie es, so denke ich, als Gast getan hat. Das ist etwas, was ich nie geschafft habe. Weder beim Reisen selbst, noch in Gesprächen, da gewisse Dinge immer vorbestimmt, Rollen vergeben waren. Am ehesten kamen wir da in Lima, in dem Mädchenheim, ran. Doch nicht wirklich.
Ich schliese jetzt mal und versuche mit diesem Abenteuer zu schliesen. Oder, halt! Nein, ich will gar nicht damit schliesen. Ich werde aber versuchen mich darauf einzustellen, dass ich morgen als der, der ich heute bin, nicht mehr sein werde und als Neuer (und hoffentlich nicht Alter) Christian wieder etwas Neues in Europa anzufangen.
Ich freue mich drauf auch wenn es mir schon ziemlich weh tut dieses Leben hier zu beenden. Doch...hey! Schon übermorgen feiern wir zusammen!!!!!
Bis morgen also, meine lieben amigos, amigas, muchachos und muchachas. Ahora siempre viajero - así no se puede llegar a la casa de nuevo!
Christian